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„Ich mach mir einen Plan…“

Wie in allen Ausführungen in diesem Blog und in den tausenden Büchern rund um Pferde, Reiter, Fahrer, Züchter usw. deutlich wird, geht es bei der Ausbildung um einen hoch komplexen Inhalt. Zieht man einmal die menschliche Ausbildung zum Vergleich heran (was ich oft als sehr hilfreich empfinde), ist diese in vielfältigster Weise strukturiert und innerhalb der Strukturen extrem stark geplant.
Da geht es - durchaus ernst gemeint – schon pränatal, also vor der Geburt – los. Mütter nehmen durch bestimmte Verhaltensweisen mehr oder weniger Einfluß auf das ungeborene Kind. Der Säugling geht mit Mutter oder Vater zum Babyschwimmen, ist in Stillgruppen und Musiktreffen im Zentrum bestimmter Absichten (ich werte das hier nicht). Das Kleinkind wird mehrsprachig erzogen, bekommt musikalische Grundausbildung, besucht die Fördergruppe um evtl. Spätentwicklungen vorzubeugen. Das Kindergartenkind sieht sich geplanter und professioneller Erziehung gegenüber, das Schulkind wird gemäß dem behördlich erstellten Ausbildungsplan mit Zielen konfrontiert. Sollte es diese erreichen wartet schon das Studium oder die berufliche Ausbildung mit nicht minder geplanten Inhalten und Verfahren. Rund um diese Planungen sind da die – meist nicht niedergeschriebenen und dennoch nicht minder massiv vertretenen - Pläne der Eltern für die Kinder abzuarbeiten…
Ein weites Feld und hier, im Zusammenhang mit Pferden und deren Menschen nur ein Beispiel, warum man Lerninhalte und Ausbildungsziele nicht einfach während der Ausbildungsstunde benennen sollte, mit einer gewissen Beliebigkeit Änderungen vornimmt, sondern es sich lohnt, dem ganzen Planen viel Zeit einzuräumen. Wie würde unser Erziehungssystem dastehen, wenn in jedem Alter jeder an den Kindern „herumerziehen“ würde? Es ist ja auch mit Plan schon nicht so einfach!
Mit Planung wird meist erst deutlich, um welch große Aufgaben es hier geht – für Lehrer und Schüler auf beiden Seiten des Teams Pferd / Reiter(Fahrer…). Planen ist natürlich Theorie, aber die intensive Auseinandersetzung mit dem Pferd und seinem Menschen kann auch theoretisch wirklich Spaß machen.
Da ja nicht jede Ausbildung als Ziel die Weltspitze einer Disziplin oder einen Olympiasieg hat, spielt das definierte Ziel Eurer „Reise“ eine große Rolle. Hier klein anzufangen zeugt nicht nur von Bescheidenheit sondern auch von Vernunft. Wie sich schnell herausstellen wird, sind Lerninhalte – unabhängig von der Methode - für Pferde nur zerlegt in sehr sehr kleine Schritte gut und erfolgreich zu vermitteln. Fernziele wie ein Olympiasieg sind in dem Zusammenhang für den Plan logistisch daher schon sehr ambitioniert und bedürfen einer gewaltigen Planung. Man sollte deshalb mit etwas übersichtlicheren Zielen beginnen.

Planen heißt Verbindlichkeit

Verbindlichkeit ist selten eine mündliche Verabredung und auch zur Entwicklung eines Plans ist das Schriftliche wesentlich besser geeignet. Im Computer hat man die wunderbare Möglichkeit, Textblöcke und Kapitel zu schieben, neu zu sortieren oder komplett umzubauen. Das kommt einer Planung sehr entgegen.
Wie bitte? Planen und dann Schieben oder neu sortieren?
Ja, genau. Eine Planung ist generell flexibel zu gestalten, damit sie auf den Fortschritt der Arbeit, der Ausbildung, der Reise reagieren kann. Deshalb verliert man ja sein Ziel nicht aus den Augen, sondern beschreibt evtl. einen nützlichen Umweg, eine sinnvolle Wiederholung, überspringt ein Kapitel usw. Auch bei der Planung der Ausbildung ist - wie in vielen Bereichen des Lebens - eine Balance zwischen bestmöglicher Planung und größtmöglicher Flexibilität nötig um Erfolge zu erzielen ohne den Nebenwirkungen zu erliegen.

Übrigens: Im Computer einen Ausbildungsplan zu schreiben ist extrem flexibel, da man auch für spätere Projekte Inhalte übernehmen kann, verbessert oder verfeinert.

Der Ausgangspunkt

Der Ausgangspunkt jeder Planung ist die Analyse des Ist-Zustandes. Wenn ich nicht weiß, wo ich bin, ist es nahezu unmöglich über den weiteren Weg zu entscheiden. Also schaut man mal genau hin und analysiert. Analysiert das Pferd und den Menschen, ggf. auch äußere Umstände.
Achtung: Analysen können – wenn offen durchgeführt – Schmerzen verursachen ;o)
Besonders wenn man erkennt, dass man selbst im Plan nicht nur als Durchführender sondern auch als Auszubildender eine tragende Rolle spielt. Aber keine Sorge. Man muss den Plan ja nicht gleich in den Social Medias teilen und die Erkenntnis ist oft der größte Schritt zur Verbesserung… Offenheit für alle Erkenntnisse ist wichtig um auch gute Ergebnisse zu erzielen.
Im Vergleich mit dem Erziehungssystem haben wir es bei den Pferden meist etwas schwerer, den Startpunkt festzulegen. Es gibt ja keine Standards wie Pferde-Kita, Pferde-Vorschule oder Übertrittszeugnisse und die Versicherung z. B. eines Verkäufers, dass ein Pferd durchaus schon auf M-Niveau sei oder ein Fohlen das entsprechende ABC schon komplett beherrsche, entpuppt sich oftmals als sehr positive Darstellung der Realität. Man muss sich also hier für die Analyse selbst ein Bild machen – über alle Beteiligten.

Mein Ausgangspunkt als Beispiel:

  1. „Mensch: wissbegierig aber ohne extrem tiefen Ausbildungserfahrungsschatz bei Jungpferden, breite Bildung und pädagogisch sehr erfahren, pferdeerfahren und empathisch, körperlich altersbedingt nicht sehr sportlich aber beweglich, ruhig und ausgeglichen, gutes Auge und ruhige Hand, kein Drang zu körperlichen Exzessen, eher zu sanft und nachsichtig
  2. Pferd: Warmblut mit Wachstumsproblemen (Balance…), Jährling im Rohzustand, sehr ängstlich was bei Missverständnissen auch zu leichter Abwehrhaltung führt, hoher Kopf, zögernde Öffnung für Neues, anfangs wenig Vertrauen zu Menschen, eher zu seinem Pferdefreund, gute Gänge, etwas schwerfällig beim Lernen, aber dafür sicher in der Umsetzung“

Das Ziel

Der Plan an und für sich hat keine feste Form. Es gibt unendlich viele Vorlagen und Systeme. Das wäre ein eigenes Thema. Aber für die unsere Zwecke tut es eine Liste von Punkten, welche man als Ziel, Etappenziel, Ausbildungsschritt etc. benennen möchte. Zu beachten ist beim Ausbildungsplan, dass nicht alle Ziele kalendarisch aufeinander folgen, sondern des öfteren an einem oder mehreren Punkten in einer Trainingsstunde parallel gearbeitet werden kann. Typisches Beispiel dafür ist die „Skala der Ausbildung“:

  1. Takt - Gleichmaß aller Schritte, Tritte und Sprünge
  2. Losgelassenheit - unverkrampftes An- und Entspannen der Muskulatur, bei innerer Gelassenheit
  3. Anlehnung - stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul
  4. Schwung - Übertragung des energischen Impulses aus der Hinterhand über den schwingenden Rücken auf die Gesamt-Vorwärts-Bewegung des Pferdes
  5. Geraderichtung - gleichmäßiges Gymnastizieren beider Körperhälften zum Ausgleichen der natürlichen Schiefe des Pferdes
  6. Versammlung - leichtfüßiges Ausbalancieren auf kleinerer Grundfläche mit energisch herangeschlossenen Hinterbeinen in selbst getragener Haltung

Hier wird deutlich, wie die Skala verstanden wird. Auf mehreren Ebenen gleichzeitig wird nebeneinander ausgebildet. Diese Grafik ist auch ein Plan, der in großen Zügen die Ausbildungsziele beschreibt. Dieser Plan lässt sich gut in eigene Pläne integrieren.

Ein Plan ist also in den seltensten Fällen eine Gerade sondern führt vom analysierten Ist-Zustand mit Kurven, Höhen und Tiefen zum Ziel. Die tatsächliche Linie wird in aller Regel noch mehr von Abweichungen geprägt als die geplante Linie. Das ist aber völlig normal.
Nach der Analyse formulieren wir jetzt also mal das Ziel. Wenn man sich als realistisch einstuft, kann das auch sehr weit entfernt liegen und sehr hochtrabend sein (wie passend im Zusammenhang mit Pferden). Ich würde so ein Ziel als „Mein Traum“ definieren und damit hat man auch gleich die Methode, dieses Ziel für sich zu entdecken. Im Pferdebereich sind wir ja hauptsächlich freiwillig unterwegs, also in der Erfüllung unserer Vorstellungen und Träume. Wenige Pferde müssen im ernsthaftesten Sinne „arbeiten“ (hier ist eine Planung noch akribischer durchzuführen) und für den Rest gilt als Zielvorgabe der Traum ihrer BesitzerInnen.

Mein Ziel als Beispiel:
„Mit meinem Pferd einmal in perfekter Harmonie, in versammeltem Galopp mit einer Kutsche auch in schwierigster Umgebung ohne sichtbare Hilfengebung zu fahren und beim Reiten ein Pferd zu haben, welches mir voll vertraut, rittig ist und so gut trainiert, dass es alle natürlichen Bewegungen mit mir darauf genauso gut macht, wie ohne mich.“

Nachdem ich damals für unsere Jungs (wir hatten 2 Jährlinge gekauft) soweit war, das die Ziele feststanden (soweit das geht), hatte ich richtig Probleme, den Plan weiter zu schreiben. Soviel zu lernen und die Jungs hatten gerade mal verstanden, dass ein Stallhalfter nicht das Ende des Lebens bedeutet und das Mensch ab und an mal die Füße benötigt, um daran rum zukratzen. Ach ja – und da sind schon die ersten Ansätze für den Plan…

Fasse Dich kurz

Das stand früher in Telefonzellen, jetzt sollte es über dem Plan stehen! Man muss zur Planung einfach formulieren, kurz und knapp schreiben. Die Inhalte sind ja schwer genug. Auch muss die Methodik der einzelnen Schritte nicht zur Gänze niedergeschrieben werden (außer man hat Freude dran oder benötigt die Schriftform, um sich klar zu machen, was kommen soll).

Mein nächster Schritt als Beispiel:

  1. „Die Box (damals standen die Jungs noch in Boxen) ist sein Zuhause und Ruheort. Darin findet nichts statt außer halftern.“
  2. „Er kommt zu mir und schlüpft ruhig und ohne Angst in das ihm hingehaltene Halfter“


Diese zwei Schritte – einfach formuliert - galten als Grundregel. Nach kurzer und intensiver Zeit (in der wir nichts mit den Pferden getan haben als füttern und Kontakt pflegen sowie sanft putzen) waren sie umgesetzt und haben uns die Zusammenarbeit seither sehr vereinfacht. Sogar im Offenstall mussten wir unseren Pferden nicht nachlaufen. Sie kommen und schlüpfen in ihr Halfter, bereit für den nächsten Schritt…

Für eine langfristige Planung ist es gut, sich einzelne Kapitel zu überlegen, deren Inhalte der Reihe nach, aber auch durchaus abwechselnd und / oder gemeinsam abgearbeitet werden können.

Mein Beispiel:
1. Kapitel Basics

  1. „Halftern“
  2. „Führübungen“
  3. „Anbinden und stehen bleiben“
  4. „Rückwärts“


2. Kapitel Pflege

  1. „Bürsten“
  2. „Mähne bürsten“
  3. „Gesicht pflegen“
  4. „Fußpflege – aufheben aller 4 Füße – halten – Schmied (Fremder am Pferd!)“


3. Kapitel Gesundheit

  1. „Fremde Menschen kommen und machen was am Pferd (hier Impfung)“


Die Punkte Anbinden und stehen sowie Fußpflege haben wir einzeln aber auch in Reihe geübt. Da der Termin mit dem Hufschmied (als Kennenlernen und zur Kontrolle der Hufe) anstand, haben wir in dieser Richtung geübt („wir“ weil wir eigentlich meist mit beiden Pferden trainiert haben und jeweils dem anderen assistierten). Das Impfen war der nächste Termin, deshalb dann in dieser Richtung… usw.
Wie hier deutlich wird, war der Plan sehr kleinteilig. Das hat uns aber geholfen, nichts zu vergessen und wir (und die Pferde) hatten viele Erfolgserlebnisse.
Ich habe neben dem Plan auch an vielen Tagen ein Ausbildungstagebuch geschrieben. Wenn ich das heute lese, durchlebe ich vieles nochmal und so intensiv. Wie wertvoll, auch weil mein Pferd ja mit 4 Jahren eingeschläfert werden musste.

Mit dem Fortschritt der Ausbildung wird vieles selbstverständlich, ein stetes Zurückblicken schadet aber nicht. Nur so kann man erkennen, was bereits klappt und wo es noch weiter gegen muss. Nur so schätzt man das Erreichte und hadert nicht mit dem noch nicht Gelernten oder nicht Perfektem. Das prägt die Ausbildung positiv – die Grundlage für das Gelingen!

plan.txt · Zuletzt geändert: 2020/08/18 18:48 von andreasweingarten